Neues aus der Bananenrepublik


Hier ruht mein Papi. Ein kleines Urnengrab, umrandet mit bunten Blumen. So bunt, wie er es immer geliebt hat. Und er erhält fast täglich Besuch, damit die Blumen auch keinen Durst haben. Die Kinder schreiben ihm Briefe, und in den Vasen sind ständig neue Blumen. Und irgendwie bereuen wir, dass wir ihn nach langem Hin und Her doch einäschern ließen. Das ist nicht mal billiger, sondern dauert nur deutlich länger… Und das war nicht gut. Wer trauert, braucht sowas wie einen Abschluss. Bis es nicht soweit ist, leben die Hinterbliebenen selbst wie in einer Zwischenwelt.

Wer über Friedhöfe geht, wird eh feststellen, dass Gräber Hinweise auf das Leben der Verstorbenen geben. So findet man unfassbaren Pomp ebenso wie erdrückende Bescheidenheit. Manche Gräber werden liebevoll und individuell gepflegt, manche offensichtlich vom Friedhofsgärtner. Manche Gräber aber können eineschon vom Anblick richtig traurig machen, gerade wenn der Todestag noch nicht lang her ist. Das sind so Gräber, zu denen offensichtlich keiner geht und um die  sich auch nicht der Friedhofsgärtner kümmert. Manche dieser Gräber sind so zugewachsen mit irgendeinem Gestrüpp, dass nicht mal mehr die Namen kenntlich sind.

Ich habe in meiner Zeit als Schwester gelegentlich auf der Trauerfeier von verstorbenen Patienten teilgenommen. Entweder hatten mich Angehörige darum gebeten, oder ich wusste, dass niemand kommen würde, weil es niemanden gab, der um sie trauerte.

Solche Trauerfeiern brachten mich jedesmal zum Weinen. Da hat ein Mensch ein langes Leben gelebt, und am Ende ist niemand mehr übrig, der an einen denkt, außer einer Schwester, die in den letzten Stunden über das Sterben wachte.

Und dann haben wir auf der anderen Seite Privilegierte, die anscheinend tausend mal wert gewesen sein müssen. Da stehen gigantische Skulpturen mit Inschriften, die einen vor Erfurcht erstarren lassen. Dr. Dr. Dr. Prof. von und zu Dings Bumssoundso manchmal nebst Gattin mit Vornamen… Geld und Ansehen weit über den Tod hinaus. Und wer daran vorbei geht, kriegt suggeriert, dass da ein ganz besonderer Mensch liegen muss.

Ich hab Friedhöfe immer geliebt. Schon als Kind hab ich mich nachts eingeschlichen und einen gewissen Grusel gesucht. Als es einmal hieß, heute Nacht geht die Welt unter, hab ich mit einem Freund dort ein Lager errichtet, alles dabei gehabt, was der Mensch braucht und die Nacht auf das weltweite Ende gewartet. Es war Vollmond und die Sterne waren besonders klar zu sehen. War ne berauschend tolle Nacht.

Ich selbst lege keinen Wert auf ein Grab und schon gar nicht darauf, dass jemand da ständig Arbeit mit hat. Ich selbst möchte schon immer lieber in ein anonymes Massengrab, um das sich keiner kümmern braucht. Da sind dann meine Reste wenigstens mit Gleichgesinnten zusammen. Der Mensch ist nicht gern allein. Und als gute Hausfrau weiß ich: Staub auch nicht.

 Ich halte es für absurd, für meine gestorbene Hülle so einen teuren Popanz zu veranstalten. Aber als ich das meinen Kindern sagte, fanden die das schrecklich. Das hat mich zum Undenken gebracht.

Gräber sind für die Hinterbliebenen. Das ist ihr Ort, und sie sind es, die die Entscheidung zu treffen haben, was mit der Hülle oder dem Staub wird. Wenns zu wenig oder gar kein Geld für die viel zu teure Nachlebensausstattung gibt,  gibts eh nur Minimum. Deshalb habe ich kein Recht, solche Entscheidungen zu treffen, für den Fall, dass es irgendwann eintritt.

Insofern erlaube ich mir nur zweierlei Verfügungen für den Fall, das es soweit ist. Ich habe seit ich 14 gewesen bin, immer einen Organspendeausweis bei mir. Seit ein paar Jahren aber habe ich auch eine Patientenverfügung. Darin steht, dass ich keinerlei lebensverlängernde Maßnahmen haben möchte, wenn es soweit ist. Ich möchte keine Wiederbelebung, keine fremden Organe und keinerlei künstliches am Leben halten.

Das wissen alle, die es was angeht. Und manche verstehen mich und respektieren meinen Willen. Manche sagen, dass ich ja gar nicht wissen könne, ob ich dann auch noch so entscheiden würde. Ich aber sage: Ich habe die meiste Zeit meines Lebens beruflich damit zu tun gehabt. Und ich fürchte nichts mehr, als das selbst erleben zu müssen, was ich oft erleben musste.

Das Recht haben wir erstritten. Es ist, auch wenn viele den Tod als entsetzlich empfinden, ein wesentlicher Teil der Menschenwürde. Ich kämpfe deshalb mit viele Mitstreitern auch um das Recht, im Fall eines aussichtslosen und grauenvollen Siechens die saubere Selbsttötung zu ermöglichen. Es ist nicht einzusehen, dass die hoffnungslosen Leute sich vor Züge schmeißen, wenn sie noch können. Noch weniger ist es einzusehen, dass immer noch so viele Menschen ihr Elend bis zur bittersten Neige ertragen müssen, obwohl sie betteln, endlich erlöst zu werden.

Ein heikles Thema. Ich weiß. Aber weil ich dahingehend zu viel weiß, habe ich dazu eine eindeutige Position, und wie ich mich kenne, werde ich die auch nicht mehr ändern. Zumindest nicht in Bezug auf mich selbst.

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Kommentare zu: "Friedhöfe: Bis über den Tod hinaus" (1)

  1. Anonymous schrieb:

    Patientenverfügung ist gut. Habe ich auch.

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