Neues aus der Bananenrepublik

Mein Leben war von Anfang an verrückt, wenn ich meins mit anderen vergleiche. Fing schon an, dass ich die ersten Jahre in einer krassen, völlig unorthodoxen Künstler-WG aufwuchs, und von Teilen der Mitbewohner soooo geliebt wurde, dass der Größenwahn mir quasi in die Wiege gelegt wurde. Boh, was muss ich besonders und begabt gewesen sein!

Als ich vier war, zogen wir um und ich landete brutal auf dem Boden der Tatsachen. Ich war nichts Besonderes. Ich war nur eins von mehreren Kindern und meine Eltern hatten anderes zu tun, als mein bislang verwöhntes Ego zu schaukeln. Zudem zogen wir in eine Siedlung von Bessergestellten und Gutverdienern. In der Siedlung gegenüber wohnten die Assis…

Wir Kinder vom Hof der Bessergestellten standen mit den Kindern vom Hof der einfachen Leute auf Kriegsfuß, weil die uns hassten. Aber auch wir im Elitehof hatten eine eigene Hierarchie.  Meine Familie gehörten zu denen, die in dieser Hierarchie nicht so weit oben standen. Wer mehrere Kinder hatte, galt damals schon als eher asozial. Ganz oben standen also die verwöhnten Einzelkinder. Das waren die Kinder der Ärzte, Richter, Apotheker, Direktoren etc. Und gerade die hatten meist Einzelkinder.

Diese Kinder hatten es leicht anzugeben. Immer die besten Klamotten, ständig was Neues. Die größten Zimmer, mit dem teuersten Spielzeug. Die tollsten Urlaubsreisen und was weiß ich nicht alles. Meine Freundin war sogar ein Fernsehkinderstar.

Wir waren eine fest eingeschworene Clique, aber eben extrem hierarchisch. Ich bekam erst mein Fett weg, als ich unserer „Chefin“, der Monika, einer in jeder Hinsicht Begünstigten, rotzfrech den Gehorsam verweigerte und Widerstand leistete, als sie uns aufforderte, ein schwächeres Kind zu verprügeln, weil es ihre Limonade umgeschmissen hatte.

Von da ab war ich ganz unten. Und wollte ich mitspielen, musste ich ihren Sklaven machen. So forderte sie es nach einer Gerichtsverhandlung, dessen Vorsitz sie immer hatte, ein. Die erste Übung war, dass ich mich zur Strafe vor allen nackt ausziehen sollte und ihr die Füße küssen. Dafür dürfte ich dann ihren Joghurtbecher auslecken, den ein anderer zuvor für sie in den Müll geworfen hatte.

Ich drehte mich um und sagte nur noch: ihr könnt mich mal.

Eineinhalbjahre hat keiner mit mir geredet, geschweigedenn gespielt. Meine ehemaligen Freunde trauten sich nämlich nicht, denn sie wussten, dass sie dann auch draußen waren.

Ich litt da schon schwer, muss ich gestehen. Aber ich war schon als Kind sehr stolz und bereute erst recht nicht, dass ich einer Schwächeren gegen Monikas Armee geholfen hatte. Vielmehr ärgerte ich mich maßlos, dass das Kind, das ich mit Gewalt, also im Kampf beschützt habe, sich nicht auf meine Seite stellte, sondern aus Angst lieber Sklave blieb.

Ich fand über das Gymnasium dann neue Freunde und holte sie in meinen Hof. Wir spielten besonders gerne Völkerball und ich demonstrierte, dass ich mich nicht von einer Herde mieser Feiglinge demoralisieren lasse. Witzig war, dass meine ehemaligen Freunde, die mit mir eineinhalb Jahre keinen Ton mehr reden durften, dann immer öfter heimlich zuschauten… ich war nun offenbar interessanter als die Monika, die es weiter trieb wie gehabt… ala: bist du mein Liebling, schenk ich dir mein altes Spielzeug, bist du nicht brav, wirst du von meiner Clique gehauen und bist schlimmstenfalls ganz draußen..

Wenn Monika nicht da war, und lernen musste oder so, dann wagten sich ihre Vasallen mit der Zeit sogar direkt ans Spielfeld und gafften, als wär ich ein Süßigkeitenladen, der ihnen verwehrt ist.

Sie fingen an, mich ganz unterwürfig zu grüßen… ich grüßte sie nicht mal mit dem Arsch.

Dann, endlich…. meine bis dahin beste Freundin Darja, die Tochter des Arztes, der immer mit meiner Mutter flirtete, fing mich ab und bettelte mich an, dass ich ihr zuhöre… wir gingen auf meinen Kummerbaum, wie ich ihn nannte…zeigte ihr, wie man da hochkommt und dass das mein Ort ist, an dem ich mich verstecke oder weine… wir redeten und redeten… und sie sagte, sie hätte mich unsäglich vermisst, sich aber nicht getraut. Ich sei so mutig… aber sie wolle mich nie wieder im Stich lassen, wenn ich ihr verzeihe.

Ich hatte sie schwer vermisst. Und ich verzieh ihr nicht nur gnädig. Dann spielte sie bei mir und meinen neuen Freunden mit. Monika war stinkesauer. Aber da Darja elternabhängig auch hoch in der Hierarchie stand, war es für sie nicht so leicht, die Kinder auf sie zu hetzen. Darjas Eltern hätten ihre Tochter schon zu schützen gewusst. Ihr Kind war eine Prinzessin…

…aber eben auch meine beste Freundin… Es dauerte keinen Tag, da wollten alle außer Monika bei mir mitspielen. Alle. Monika platzte vor Wut, denn plötzlich stand sie alleine da.

Ich habe nie wieder mit ihr geredet, die meisten anderen auch nicht,  und Monika spielte deshalb fortan nie wieder irgendwo im Hof mit.

Leid tut mir dieses Miststück von damals nicht. Aber ich frage mich, wie Eltern, die offenbar zu viel Geld haben, ihre Schratzen zu solchen Missgeburten erziehen können. Und ich frage mich, warum die Schwachen, die man beschützt, dann doch auf der Seite ihrer Tyrannen bleiben. Ich werds wohl nie begreifen.

Aber ich weiß, wie hart es ist, wenn dir eingeredet wird, dass du, speziell du, was ganz besonderes bist, und dann den tiefen Fall erlebst… und das, genau das hat Monika auch erleben müssen.

Mich hat diese Kindheitserfahrung sehr geprägt. Und auch, wenn sich bis heute das Prinzip nicht geändert hat, und der Mensch offenbar ist, wie er ist, beschütze ich die Schwachen. Wohlwissend, dass mich die meisten davon verraten…

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Kommentare zu: "Verrückte Kindheit, verrücktes Leben" (4)

  1. Eine herrliche Geschichte, zumal hübsch geschrieben. „…gafften, als wär ich ein Süßigkeitenladen…“ sehr schön!

    du beschreibst da die mechanismen von politik der angst, die besonders gut bei kindern funktioniert. die meisten erwachsenen, die wahlberechtigten, lassen sich ebenso von angstmache leiten. sie haben sich nie emanzipiert, sind nie erwachsen geworden.

    • Phantadu schrieb:

      Danke, wirr. Zu viel der Ehre. Aber zugegeben, Süßigkeitenladen find ich selbst sehr schön. Wir Menschen sind halt alle kleine Lümmelwichts. Mir schmeckt die verbotene Zigarette auch am besten… War aber auch so. Und Völkerball… hey da war ich immer die beste… wer mich versucht hat, abzuschießen, der war selber wech… Wirklich barbarisch wars mit dem Assihof… die armen Kinder, die es täglich mit dem Gürtel bekamen vom besoffenen Vater, während wir den Wettbewerb um besser schöner teurer hatten…

  2. Schoene Geschichte, wuerde ich wieder lesen!

    Bitte mehr davon und in einem eBook zusammengefasst. 😀

    Bin selbst mit zwei Geschwistern aufgewachsen und habe frueh gelernt zu teilen. Auf eine Seite stellen musste ich mich selbst nie – bei uns gab es keine so starke Gruppenbildung. Spaeter in der Schule schon ein bisschen, aber es gab immer einen passablen Gegenpol in Form von einer anderen, liberaleren Gruppe bei der man nicht aufgenommen werden musste oder aehnliches. Es war einfach ein lockeres Verhaeltnis und ein Verbund aus mehreren – ohne Regeln und den ganzen anderen sinnlosen Kram.

  3. Tja maltris, wir hier in Bayern hatten noch Zustände wie immer, als ich noch sehr jung war. Wie ich höre, war es in anderen Bundesländern längst out, vom Lehrer geschlagen zu werden. Und entsprechend wuchsen auch wir Kinder heran. Wie gesagt, sehr elternabhängig. Aber ja, du hast recht. Wäre schade, die vielen Geschichten, die ich in Erinnerung habe, und derlei hab ich so einige, ins Nirwana verschwinden zu lassen…. Vielleicht mach ich das mal, so Kurzgeschichten auf eBook… wenn mir danach ist und ich dazu komm…

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